Fasern · Tierfasern
Merinowolle
Die Wolle schlechthin: elastisch, warm, sprungelastisch und so weich, dass sie nicht kratzt. Sie ist die einfachste Wahl für den Einstieg ins Stricken, weil sie Fehler verzeiht und immer wieder in Form zurückkehrt.
Aus dem Italienischen übersetzt. Noch nicht von einer Strickerin oder einem Stricker mit deutscher Muttersprache gegengelesen.

Geschichte
Das Merinoschaf wurde in Spanien gezüchtet, das seine Ausfuhr bis ins 18. Jahrhundert verbot, um sein Monopol zu schützen; Ende des 18. Jahrhunderts kam es nach Australien und begründete dort die Wollindustrie der Welt neu. Sein modernes Ansehen verdankt es der 1964 entstandenen Marke Woolmark und den Textilbezirken von Biella und Prato, die bis heute Maßstäbe für hochwertige Kammgarne setzen.
Wie das Garn entsteht
Sie stammt aus der jährlichen Schur des Vlieses. Die Flocke wird anschließend gekämmt, für glatte, kompakte und edle Garne (worsted, „Kammgarn“), oder kardiert, für weichere, voluminösere und wärmere Garne (woolen, „Streichgarn“). Dieselbe Wolle ergibt mit den beiden Verfahren zwei sehr unterschiedliche Griffe.
Warum sie geschätzt wird
Sie ist der beste Kompromiss der Strickerei: warm, elastisch, sprungelastisch und so fein, dass sie nicht kratzt, und dennoch in industriellen Mengen verfügbar. Das Geheimnis ist die natürliche Kräuselung der Flocke (der Crimp): Sie wirkt wie eine Feder und gibt dem Gestrick seine Sprungkraft, sodass Rippen und Bündchen in Form zurückkehren.
Färben
Hervorragend. Das Keratin bindet Säurefarbstoffe sehr echt und gleichmäßig, von den historischen Naturfarbstoffen (Krapp, Färberwaid, Cochenille) bis zu den synthetischen Säurefarbstoffen, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts verbreiteten. Die Farbwiedergabe ist brillant und beständig.
Pflege
Als Kammgarn mit mittlerer Drehung ist sie gut pillingbeständig. Von Hand oder im Wollprogramm in kaltem Wasser mit mildem Waschmittel waschen und liegend trocknen, damit sie sich nicht verzieht. Ist sie nicht superwash-ausgerüstet, lässt Bewegung bei Wärme und Feuchtigkeit sie verfilzen: Das ist ihre einzige echte Schwäche.
Lebensende
Biologisch abbaubar und kompostierbar, wenn sie weder superwash-ausgerüstet noch anderweitig behandelt ist. Sie ist mechanisch recycelbar: Aus wiederaufbereitetem Streichgarn entsteht neue Faser, und Prato ist dafür die historische Hauptstadt.
Woran man sie erkennt
| Griff | Weich und warm im Griff, ausgeprägt elastisch. Unter 18,5 Mikron Feinheit kratzt sie so gut wie gar nicht. |
|---|---|
| Aussehen | Matt, mit wenig Glanz und gut sichtbarer Kräuselung (Crimp): Gerade diese Wellung ist das Zeichen ihrer Sprungkraft. |
| Verhalten | Kehrt nach dem Dehnen in Form zurück, knittert wenig und hält die Wärme gut. |
| Brennprobe | Typisch für Protein: brennt langsam und erlischt von selbst, riecht nach verbranntem Haar und hinterlässt ein schwarzes, bröseliges Kügelchen. |
| Proben zu Hause | Brennprobe: langsame Flamme, erlischt von selbst, bröselige Asche · Dehnprobe im nassen Zustand: Wolle wird schwächer, Pflanzenfasern nicht · Elastizitätsprobe: dehnen und loslassen, die Wolle kehrt in Form zurück |
| Verwechselbar mit | Polyacryl als Imitat: schmilzt aber in der Flamme zu einer harten Perle und fühlt sich kalt an · Andere tierische Wollen, im Griff und in der Brennprobe praktisch nicht zu unterscheiden |
| Nur im Labor | Merino von anderen Wollen zu unterscheiden und ihre Feinheit in Mikron genau zu messen, erfordert Mikroskopie im Labor (ISO 17751). |
Physikalische Daten
| Eigenschaft | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| elastische Erholung | Sehr hoch (federt zurück) | Forschung |
| Ausleiern | Niedrig | Forschung |
| Flaum | Niedrig | Forschung |
| Filzneigung | Hoch (wenn nicht superwash) | Forschung |
| Feinheit (µm) | 17–24 | gemessen |
| Feuchtigkeitsaufnahme (%) | 17,0 | gemessen |
| typisches Einlaufen (%) | 0–10 | Schätzung |
| Stapellänge (mm) | 65–100 | gemessen |
gemessen = eine Messung mit Beleg · iso = eine Norm · Forschung = eine geprüfte Quelle · Schätzung = nur Plausibilität
Für die Berechnung des Gestricks
| Reibungskoeffizient (µ) | 0,25 | gemessen |
|---|---|---|
| Dichte (g/cm³) | 1,31 | gemessen |
| Elastizitätsmodul (GPa) | 2,7 | gemessen |
| spezifische Biegesteifigkeit (dyn·cm²/tex²) | 0,2 | gemessen |
Geeignet für
elastische Strickwaren · Rippen und Bündchen · Kleidungsstücke, die in Form zurückkehren sollen · Grundlage für Fair-Isle · erstes Projekt für Einsteiger
Weniger geeignet für
fließender, kühler Fall (besser Seide, Leinen oder Baumwolle) · maximaler duftiger Flaum (besser Mohair)