Fasern · Tierfasern
Vikunja / Guanako
Die edelste und seltenste Faser der Welt: sehr warm, leicht und so weich, dass sie sich wie eine Liebkosung anfühlt. Ein Luxus für außergewöhnliche Wohlfühlstücke, bei denen der Griff mehr zählt als die Elastizität.
Aus dem Italienischen übersetzt. Noch nicht von einer Strickerin oder einem Stricker mit deutscher Muttersprache gegengelesen.

Geschichte
In den Anden war das Vikunja die „Faser der Götter“, den Inka vorbehalten: Wer nicht König war, durfte sie nicht tragen. Die rücksichtslose Jagd brachte das Tier an den Rand des Aussterbens, bis internationaler Schutz und gemeinschaftliche Schurprogramme (der Chaccu, die alte Treibjagd mit Fang und Freilassung) die Bestände wiederhergestellt haben. Das Guanako, der weiter verbreitete wilde Verwandte, liefert eine Schwesterfaser, die etwas gröber ist. Bis heute gehören sie zu den teuersten Garnen überhaupt, gebunden an rückverfolgbare Lieferketten in den Anden und an wenige Luxushäuser.
Wie das Garn entsteht
Die Tiere sind wild: Sie werden lebend eingefangen, von Hand geschoren und wieder freigelassen, mit einem minimalen Vliesertrag alle zwei bis drei Jahre. Die sehr kurze, feine Flocke muss vom gröberen Grannenhaar befreit werden (Enthaaren), dann wird sie mit äußerster Behutsamkeit gekämmt oder kardiert. Die Verarbeitung ist fast handwerklich: Jedes Gramm ist kostbar, und gesponnen wird in sehr feinen Garnnummern.
Warum sie geschätzt wird
Sie verbindet extreme Feinheit mit einem markhaltigen Haarschaft, der Luft einschließt: Sie wärmt wie kaum eine andere und bleibt dabei sehr leicht, und im Griff ist sie weicher als Kaschmir. Ihre natürliche Seltenheit und die winzige Ausbeute pro Kleidungsstück stellen sie an die Spitze der Pyramide der Edelfasern. In der Strickerei wählt man sie wegen Griff und Wärme, nicht wegen der Formhaltung.
Färben
Sie wird selten und nur mit Mühe gefärbt. Die Naturfarbe, von warmem Haselnuss bis Schokolade, ist so schön und charakteristisch, dass die meisten Kleidungsstücke naturbelassen oder nur leicht aufgehellt bleiben. Wird gefärbt, braucht es Säurefarbstoffe und sehr erfahrene Hände, um eine so empfindliche Faser nicht anzugreifen und ihre warme Leuchtkraft nicht zu dämpfen.
Pflege
Eine empfindliche Faser mit geringer Sprungkraft: Man behandelt sie wie ein Schmuckstück. Nur kalte Handwäsche mit Neutralwaschmittel oder professionelle chemische Reinigung, unbedingt liegend trocknen und zwischen zwei Einsätzen ruhen lassen, damit sie ihre Form zurückgewinnt. An Reibestellen neigt sie zum Aufblühen und zu leichtem Oberflächenpilling: behutsam auffrischen, nie reiben.
Lebensende
Reine Proteinfaser, am Ende ihres Lebens biologisch abbaubar und kompostierbar, wenn sie nicht mit Synthetik gemischt ist. Ihr sehr hoher Wert macht sie zur idealen Kandidatin für Upcycling: Kleidungsstücke und Reste werden zurückgewonnen und wieder in die Spinnerei gebracht, statt entsorgt zu werden.
Woran man sie erkennt
| Griff | Seidig, warm und hauchzart, weicher als Kaschmir und fast ohne elastischen Körper: Sie rinnt wie Puder durch die Finger. |
|---|---|
| Aussehen | Warme Naturfarbe von Rehbraun bis Braun, mit dezentem, samtigem Glanz. Die Kräuselung ist schwach, und das Kleidungsstück entwickelt an der Oberfläche gern einen weichen, aufgeblühten Flaum. |
| Verhalten | Fällt weich und warm, kehrt aber nur langsam in Form zurück: Unter Spannung gibt sie nach und federt nicht zurück. Sie wärmt bei gleichem Gewicht außerordentlich und knittert wenig. |
| Brennprobe | Typisch für Protein: brennt langsam, erlischt von selbst, riecht nach verbranntem Haar und hinterlässt ein schwarzes, bröseliges Kügelchen. |
| Proben zu Hause | Brennprobe: langsame Flamme, erlischt von selbst, bröselige Asche · Griff und Wärme: bei gleichem Gewicht außergewöhnlich weich und warm · Dehnprobe: gibt nach und kehrt langsam in Form zurück, federt nicht wie Wolle |
| Verwechselbar mit | Kaschmir: ähnlicher Griff, aber Vikunja ist noch feiner, wärmer und hat die typische rehbraune Naturfarbe · Helles hochwertiges Baby-Alpaka, das Griff und Farbton zu viel geringeren Kosten nachahmt |
| Nur im Labor | Vikunja, Guanako und Kaschmir sicher zu unterscheiden und ihre Feinheit in Mikron zu messen, erfordert Mikroskopie im Labor (ISO 17751); der Griff allein täuscht selbst Fachleute. |
Physikalische Daten
| Eigenschaft | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| elastische Erholung | Niedrig | Forschung |
| Ausleiern | Mittel | Forschung |
| Flaum | Hoch | Forschung |
| Filzneigung | Mittel | Forschung |
| Feinheit (µm) | 12–15 | Forschung |
| Feuchtigkeitsaufnahme (%) | 15,0 | Forschung |
| typisches Einlaufen (%) | 0–8 | Schätzung |
| Stapellänge (mm) | 30–50 | Forschung |
gemessen = eine Messung mit Beleg · iso = eine Norm · Forschung = eine geprüfte Quelle · Schätzung = nur Plausibilität
Geeignet für
außergewöhnliche Wohlfühlstücke · federleichte Schals und Stolen · feine Strickwaren für direkten Hautkontakt · Luxusaccessoires · warme, dünne Lagen
Weniger geeignet für
Rippen und Bündchen, die ihre Form halten sollen · Kleidungsstücke mit starker Abnutzung · strukturierte elastische Strickwaren · kräftige, leuchtende Farben