Fasern · Tierfasern
Tussahseide (Rohseide/Wildseide)
Die rustikale, wilde Seide: weniger rutschig und weniger glänzend als klassische Seide, aber mit einem warmen goldenen Schimmer und mehr Körper. Sie hat keinerlei Elastizität und schenkt dennoch Glanz und einen Griff mit Charakter, von Natur aus bereits gefärbt.
Aus dem Italienischen übersetzt. Noch nicht von einer Strickerin oder einem Stricker mit deutscher Muttersprache gegengelesen.

Geschichte
Sie stammt aus den Kokons wilder Seidenspinner, die frei auf Eichen und anderen Bäumen leben, nicht von der auf Maulbeerbäumen gezüchteten Seidenraupe. In Indien ist die Tasar-Tradition uralt und an die Stammeswälder von Jharkhand und Bengalen gebunden; in China und Korea begleitet die Eichenseide (vom Pernyi-Spinner) seit Jahrhunderten die robusteren Haushaltsstoffe. Anders als bei der Maulbeerseidenzucht folgt die Ernte hier großenteils den Zyklen des Waldes: Es ist eine einfachere, bäuerliche und landschaftlich verwurzelte Seide.
Wie das Garn entsteht
Die wilden Kokons werden oft erst gesammelt, wenn der Falter bereits geschlüpft ist, wodurch der Endlosfaden reißt: Deshalb wird Tussah häufig entbastet und wie eine Kurzfaser versponnen (Schappe), statt wie Maulbeerseide als Endlosfaden abgehaspelt zu werden. Die Ernährung mit gerbstoffreichen Eichenblättern gibt ihr die charakteristische natürliche beige-goldene Farbe. Der Entbastungsgrad bestimmt, wie viel Seidenbast am Faden bleibt, und damit, wie viel Körper und Rustikalität sie behält.
Warum sie geschätzt wird
Sie bietet den Glanz der Seide mit einer stofflicheren Persönlichkeit: warmen Schimmer, eine fertige goldene Farbe ohne Färbung und mehr Körper, der das Maschenbild besser in Form hält. Sie ist kühl und atmungsaktiv wie jede Seide, aber weniger kalt und weniger flüchtig im Griff, und daher leichter zu verarbeiten für alle, denen klassische Seide zu rutschig ist. Außerdem ist sie eine Faser aus Wildsammlung, geschätzt von allen, die Materialien mit geringer Umweltbelastung suchen.
Färben
Sie nimmt Säurefarbstoffe, wie sie für Proteinfasern typisch sind, gut an, geht aber von einem beige-goldenen Grund aus, der die Farben wärmer und gedämpfter macht: Helle, kühle Farben verschieben sich zu warmen, erdigen Tönen, während tiefe Nuancen hervorragend wirken. Gerade deshalb wird Tussah oft in ihrer Naturfarbe belassen, die schon einer ihrer Vorzüge ist.
Pflege
Sie ist eine empfindliche Proteinfaser: Handwäsche in kaltem Wasser mit Neutralwaschmittel, ohne starke Laugen und Chlorbleiche, die sie vergilben und schwächen. Vor längerem direktem Licht schützen und liegend im Schatten trocknen. Wassertropfen können Ränder auf der Oberfläche hinterlassen, deshalb das Kleidungsstück lieber gleichmäßig durchfeuchten. Sie verfilzt nicht und pillt nicht, doch ohne Sprungkraft neigt ein stark beanspruchtes Kleidungsstück dazu, sich zu längen.
Lebensende
Sie ist ein natürliches Protein, biologisch abbaubar und kompostierbar, wenn sie nicht mit Synthetikfasern gemischt ist. Da sie aus Wildsammlung stammt und oft ungefärbt bleibt, hat sie ein besonders sauberes Lebensende; Spinnabfälle werden als Kurzfaser zurückgewonnen.
Woran man sie erkennt
| Griff | Kühl, aber weniger kalt als Maulbeerseide, deutlich weniger rutschig und trockener im Griff. Sie hat eine leichte Textur und einen Körper, den man sofort zwischen den Fingern spürt, ohne die typische Flüchtigkeit klassischer Seide. |
|---|---|
| Aussehen | Natürliche beige-goldene oder ecrufarbene Farbe, mit einem warmen, gedämpften Glanz, nie spiegelnd. Der Faden ist oft leicht unregelmäßig, mit kleinen Schwankungen und Flammen, die von seiner wilden Herkunft erzählen. |
| Verhalten | Sie fällt mit mehr Körper und weniger fließend als Maulbeerseide und hat keinerlei elastische Rückstellung: Gedehnt bleibt sie gedehnt. Sie knittert leicht, hält mäßig warm und ist sehr atmungsaktiv. |
| Brennprobe | Typisch für Protein: brennt langsam und neigt dazu, von selbst zu erlöschen, riecht nach verbranntem Haar oder Federn und hinterlässt ein brüchiges schwarzes Perlchen, das zerbröselt. |
| Proben zu Hause | Brennprobe: langsame Flamme, erlischt von selbst, Geruch nach verbranntem Haar, bröselige Asche · Trockener Griff: weniger rutschig und stofflicher als Maulbeerseide · Natürliche Goldfarbe: Das warme Beige stammt nicht aus der Färbung, sondern aus der Eichenblattnahrung |
| Verwechselbar mit | Maulbeerseide (Bombyx): weißer, feiner, glänzender und rutschiger · Viskose oder andere regenerierte Fasern, die Seide nachahmen: riechen beim Verbrennen nach Papier und hinterlassen leichte Asche, nicht das Protein-Perlchen · Rohleinen, wegen der Ecrufarbe und des trockenen Griffs, doch in der Brennprobe verhält sich Leinen wie Cellulose |
| Nur im Labor | Tussah sicher von Maulbeerseide zu unterscheiden und ihre Feinheit zu messen, erfordert Mikroskopie im Labor: Der Querschnitt der Tussah ist breiter, abgeflacht und fein gestreift, im Gegensatz zum glatten der Maulbeerseide (ISO 17751). |
Physikalische Daten
| Eigenschaft | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| elastische Erholung | Keine | Forschung |
| Ausleiern | Mittel (weniger rutschig) | Forschung |
| Flaum | Keine | Forschung |
| Filzneigung | Keine | Forschung |
| Feinheit (µm) | 25–40 | Forschung |
| Feuchtigkeitsaufnahme (%) | 11,0 | Forschung |
| typisches Einlaufen (%) | 0–5 | Schätzung |
| Stapellänge (mm) | — | Forschung |
gemessen = eine Messung mit Beleg · iso = eine Norm · Forschung = eine geprüfte Quelle · Schätzung = nur Plausibilität
Geeignet für
Kleidungsstücke mit Wärme und Körper · matte, goldene Oberflächen · Sommerstrick mit Struktur · rustikale, materialbetonte Textur · alle, denen klassische Seide zu rutschig ist
Weniger geeignet für
elastische Rippen und Bündchen · vollkommen reine, helle und kühle Farben · glatter, spiegelnder Griff wie bei Maulbeerseide · Kleidungsstücke, die in Form zurückspringen sollen