Fasern · Tierfasern
Seide
Die Faser für Glanz und Fall: kühl, fest und prachtvoll, gleitet und fällt sie wie keine andere. Sie hat keine Elastizität und kehrt nicht in Form zurück, also geht sie dorthin, wohin man sie führt, leuchtend und fließend.
Aus dem Italienischen übersetzt. Noch nicht von einer Strickerin oder einem Stricker mit deutscher Muttersprache gegengelesen.

Geschichte
Sie stammt aus China, wo ihre Herstellung über Jahrtausende ein Staatsgeheimnis war, dessen Verrat mit dem Tod bestraft wurde. Entlang der Seidenstraße wurde sie zu Zahlungsmittel, Luxusgut und diplomatischem Geschenk, bevor sie Europa erreichte. Maulbeerseide (Mulberry) liefert das feinste und gleichmäßigste Filament; Tussah, wild und auf Eichen lebend, ist rustikaler und bernsteinfarben. In Italien ist der Bezirk um Como bis heute eine weltweite Referenz für Seidenweberei und Seidenveredlung.
Wie das Garn entsteht
Sie wird durch Abhaspeln des Kokons gewonnen: Ein einziges Endlosfilament, Hunderte Meter lang, wird in heißem Wasser abgewickelt, nachdem das Sericin gelöst wurde, das es zusammenklebt. Das ist unter den Naturfasern fast einzigartig, denn diese sind beinahe alle kurze Stapelfasern. Mehrere Kokonfäden werden zusammengeführt und gedreht, um den Faden zu bilden, dessen Feinheit in Denier angegeben wird. Abfälle und beschädigte Kokons werden kardiert und als Stapelfaser versponnen; daraus entsteht Schappeseide, matter und samtiger.
Warum sie geschätzt wird
Sie vereint Eigenschaften, die sonst selten zusammenkommen: tiefen Glanz, fließenden Fall, hohe Reißfestigkeit und einen kühlen Griff. In der Strickerei veredelt sie Mischungen, weil sie Glanz, Fall und Farbbrillanz dort hinzufügt, wo Wolle und Kaschmir nur Wärme und Volumen geben würden. Seide-Kaschmir und Seide-Merino sind genau wegen dieses Gleichgewichts Klassiker.
Färben
Hervorragend. Als Proteinfaser wie die Wolle bindet sie Säurefarbstoffe mit sehr hoher Brillanz und Farbtiefe, verstärkt durch das glatte Filament, das das Licht reflektiert. Sie hat eine lange Tradition edler Färbungen und lebhafter Farben; dunkle, satte Töne gelingen ihr besonders gut.
Pflege
Sie will Feingefühl: Handwäsche in kühlem Wasser mit Neutralwaschmittel, kein Bleichmittel und kein kräftiges Schleudern. Sie verträgt kein direktes Licht, das sie vergilben und spröde werden lässt, und keinen Schweiß und keine Deodorants, die Flecken machen und sie angreifen. Schon ein Wassertropfen kann einen Rand hinterlassen: lieber gleichmäßig durchfeuchten. Sie verfilzt nicht, weil das Filament glatt ist.
Lebensende
Sie ist ein natürliches Protein und daher biologisch abbaubar und kompostierbar, wenn sie nicht mit Synthetikfasern gemischt oder durch Ausrüstungen beschwert ist. Dank der Festigkeit des Fadens eignet sie sich für Wiederverwendung und schneiderisches Upcycling; mechanisches Recycling ist möglich, im industriellen Maßstab aber wenig verbreitet.
Woran man sie erkennt
| Griff | Sehr glatt und rutschig, kühl bei der ersten Berührung und dann schnell hautwarm. Unverwechselbar ist der Seidengriff (Scroop): das Knirschen, fast ein Rascheln, das man hört, wenn man zwei Stücke aneinander reibt. |
|---|---|
| Aussehen | Intensiver, tiefer Glanz, typisch für das Endlosfilament, mit lebhaften Farben und changierenden Reflexen. Keine Kräuselung und kein Flaum: Die Oberfläche ist dicht und glänzend. |
| Verhalten | Sie fällt wunderbar und fließend, hat aber keine elastische Rückstellung: Zieht man daran, längt sie sich und bleibt so, sie federt nicht zurück. Trocken sehr reißfest, verliert sie im nassen Zustand an Festigkeit und ist empfindlich gegen UV-Strahlung und Schweiß. |
| Brennprobe | Typisch für Protein: brennt langsam, neigt dazu, von selbst zu erlöschen, riecht nach verbranntem Haar und hinterlässt ein schwarzes, bröseliges Kügelchen. In der Brennprobe ist sie praktisch nicht von Wolle zu unterscheiden. |
| Proben zu Hause | Scroop-Probe: zwei Stücke aneinander reiben, Seide knirscht und knistert · Kühler, glänzender Griff: anfangs kalt und rutschig, dann schnell warm · Brennprobe: langsame Flamme, erlischt von selbst, Geruch nach verbranntem Haar, bröselige Asche |
| Verwechselbar mit | Viskose oder Rayon als Seidenimitat: Sie sind jedoch Cellulosefasern, verbrennen zu Asche wie Papier, sind nass schwächer und fühlen sich kühler an · Glänzendes Polyester: schmilzt aber in der Flamme zu einer harten Perle und riecht nicht nach verbranntem Haar |
| Nur im Labor | Sichere Bestätigung bringt die Mikroskopie: Das Seidenfilament ist glatt und hat einen dreieckigen Querschnitt, und genau diese Prismenform erzeugt ihren Glanz. Die genaue Unterscheidung von anderen Proteinfasern folgt den Prüfungen nach ISO 1833. |
Physikalische Daten
| Eigenschaft | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| elastische Erholung | Keine | Forschung |
| Ausleiern | Hoch (fließend/rutschig) | Forschung |
| Flaum | Keine | Forschung |
| Glanz | Glänzend | Forschung |
| metallisch | No | Forschung |
| Filzneigung | Keine | Forschung |
| Feinheit (µm) | — | Forschung |
| Feuchtigkeitsaufnahme (%) | 11,0 | Forschung |
| typisches Einlaufen (%) | 0–5 | Schätzung |
| Stapellänge (mm) | — | Forschung |
gemessen = eine Messung mit Beleg · iso = eine Norm · Forschung = eine geprüfte Quelle · Schätzung = nur Plausibilität
Für die Berechnung des Gestricks
| Reibungskoeffizient (µ) | 0,26 | gemessen |
|---|---|---|
| Dichte (g/cm³) | 1,34 | gemessen |
| Elastizitätsmodul (GPa) | 9,5 | gemessen |
| spezifische Biegesteifigkeit (dyn·cm²/tex²) | 0,19 | gemessen |
Geeignet für
fließende, glänzende Kleidungsstücke · edle Mischungen mit Wolle oder Kaschmir · elegante Sommerstrickwaren · Schals und Kleidungsstücke mit weichem Fall · Farbbrillanz
Weniger geeignet für
Rippen und Bündchen, die in Form zurückspringen sollen (sie ist unelastisch) · Kleidungsstücke, die stark Sonnenlicht oder Schweiß ausgesetzt sind · Strickwaren, die ihre Form ohne Nachgeben halten müssen