Fasern · Pflanzenfasern
Ramie (Chinagras)
Ein glänzenderer, strahlenderer Verwandter des Leinens: kühl, sehr leicht und außergewöhnlich reißfest, mit einem fast seidigen Schimmer. Wenig elastisch und etwas steif, zeigt sich Ramie am besten in Sommerkleidung, die sich auf der Haut kühl anfühlen soll.
Aus dem Italienischen übersetzt. Noch nicht von einer Strickerin oder einem Stricker mit deutscher Muttersprache gegengelesen.

Geschichte
Ramie, auch „Chinagras“ genannt, gehört zu den ältesten Textilfasern: In Ostasien wird sie seit Jahrtausenden verwebt, und in Ägypten wickelte man Mumien darin ein. Sie stammt aus dem Stängel einer mehrjährigen Nessel ohne Brennhaare, die vor allem in China angebaut wird, bis heute dem weltweit größten Erzeuger, außerdem auf den Philippinen, in Brasilien und in Indien. Im Westen ist sie eine Nischenfaser geblieben, geschätzt vor allem als glänzende Alternative zu Leinen in Garnen und für die Übergangszeit.
Wie das Garn entsteht
Ramie ist eine Bastfaser aus der inneren Rinde des Stängels. Nach dem Schnitt werden die Stängel entrindet, um die Faserbänder abzulösen. Rohe Ramie enthält jedoch viel Pflanzengummi und Pektin, die sie steif halten: Erst eine chemische oder enzymatische Entgummierung (Degumming) legt die Fasern frei und macht sie weich und spinnbar. Nach diesem aufwendigen Schritt, der mühsamer ist als beim Leinen, wird Ramie gekämmt und zu glatten, gleichmäßigen Garnen versponnen.
Warum sie geschätzt wird
Ramie gehört zu den reißfestesten Naturfasern überhaupt und wird im nassen Zustand sogar noch fester: Sie übersteht wiederholtes Waschen, ohne nachzugeben. Ihr natürlicher Glanz wird von keiner anderen Pflanzenfaser erreicht, sie zählt zu den weißesten Fasern der Natur und ist unempfindlich gegen Schimmel, Bakterien und Flecken. In der Strickerei bringt sie Kühle, Stand und einen edlen Glanz, meist in Mischung mit Baumwolle oder Leinen, um ihre Steifheit abzumildern.
Färben
Ramie wird wie die anderen Cellulosefasern mit Direkt- und Reaktivfarbstoffen gefärbt, und ihr helles Ausgangsweiß hilft, klare, leuchtende Töne zu erzielen. Die Farbaffinität ist wegen der kompakten kristallinen Struktur der Faser allerdings etwas geringer als bei Baumwolle: Sehr satte Töne verlangen kräftigere Färbebäder, während helle Töne und Pastellfarben auf ihrem glänzenden Schimmer wunderschön zur Geltung kommen.
Pflege
Robust und waschbar, verträgt Ramie Wasser gut und trocknet schnell. Ihre Schwäche ist die geringe Elastizität: Die Faser ist steif und verträgt wiederholtes Knicken schlecht, deshalb können scharfe Bügelfalten und Reibung immer an derselben Stelle sie mit der Zeit schwächen. Am besten schonend waschen, liegend trocknen und scharfe Falten immer an derselben Linie vermeiden.
Lebensende
Als reine Cellulose ist Ramie vollständig biologisch abbaubar und kompostierbar, solange sie nicht mit Synthetikfasern gemischt ist. In Mischungen mit Baumwolle oder Leinen lässt sie sich weiterhin mechanisch recyceln, und Abfälle aus Anbau und Verarbeitung können rückstandsfrei in den Boden zurückkehren.
Woran man sie erkennt
| Griff | Kühl und trocken im Griff, mit einer glatten, rutschigen Oberfläche, die eher an Seide als an Leinen erinnert. Neu ist sie etwas steif und leicht knackig und wird mit dem Waschen weicher. |
|---|---|
| Aussehen | Stark glänzend und hell, mit einem leuchtenden Schimmer, der sie sofort vom matteren Leinen unterscheidet. Sie bildet kaum einen Flaum, und die Garnoberfläche wirkt sauber und gleichmäßig. |
| Verhalten | Fällt mit Körper, nicht fließend: Sie hält die Form und steht von selbst. Die elastische Rückstellung ist nahezu null, deshalb knittert sie leicht und behält Falten, bleibt aber kühl und wärmt nicht. |
| Brennprobe | Typisch für Cellulose: brennt schnell mit lebhafter Flamme, riecht nach verbranntem Papier oder Laub, glimmt kurz nach und hinterlässt weiche, leichte graue Asche. |
| Proben zu Hause | Brennprobe: schnelle Flamme, Geruch nach verbranntem Papier, graue, bröselige Asche · Glanzprobe: neben Leinen ist Ramie deutlich glänzender und weißer · Dehnprobe im nassen Zustand: Pflanzenfasern werden nass nicht schwächer, Ramie wird sogar fester |
| Verwechselbar mit | Leinen, fast ein Zwilling: Ramie ist jedoch glänzender, weißer und noch steifer · Hanf, eine weitere Bastfaser: Hanf ist aber gröber, matter und spielt ins Graugrüne |
| Nur im Labor | Ramie sicher von Leinen und Hanf zu unterscheiden oder ihre tatsächliche Feinheit zu messen, erfordert Mikroskopie im Labor und Prüfungen zur Faseridentifizierung (ISO 1833). |
Physikalische Daten
| Eigenschaft | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| elastische Erholung | Keine | Forschung |
| Ausleiern | Mittel (ähnlich wie Leinen, aber glänzender) | Forschung |
| Flaum | Keine | Forschung |
| Filzneigung | Keine | Forschung |
| Feinheit (µm) | 20–60 | Forschung |
| Feuchtigkeitsaufnahme (%) | 8,0 | Forschung |
| typisches Einlaufen (%) | 0–5 | Schätzung |
| Stapellänge (mm) | 120–250 | Forschung |
gemessen = eine Messung mit Beleg · iso = eine Norm · Forschung = eine geprüfte Quelle · Schätzung = nur Plausibilität
Geeignet für
kühle Sommerkleidung · leichte Tops und Shirts · Mischungen mit Baumwolle oder Leinen · glänzende, strukturierte Details · Flächen, die flach in Form bleiben sollen
Weniger geeignet für
elastische Strickwaren und Rippen, die in Form zurückspringen sollen · Kleidungsstücke, die stark geknickt werden · größtmögliche Weichheit beim ersten Anfassen