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Fasern · Pflanzenfasern

Brennnessel

Die rustikale Cousine des Leinens: eine kühle, zähe und überraschend glatte Pflanzenfaser, die aus dem Stängel der Brennnessel gewonnen wird. Wenig elastisch, aber robust, wird sie mit jeder Wäsche weicher und schenkt einen trockenen Griff, ideal für Sommerstücke.

Aus dem Italienischen übersetzt. Noch nicht von einer Strickerin oder einem Stricker mit deutscher Muttersprache gegengelesen.

nettle Urtica dioica (Große Brennnessel); Girardinia diversifolia (Himalaya-Nessel) für den Textilanbau ausgewählte Faserklone (z. B. Fibernettle) NepalHimalayaDeutschlandÖsterreichItalien
Brennnessel
Brennnessel

Geschichte

Die Brennnessel kleidet den Menschen seit Jahrtausenden: Spuren finden sich schon in der Bronzezeit, und lange wurde in Nordeuropa daraus Nesseltuch gewebt. Im Ersten Weltkrieg entdeckte Deutschland sie bei Baumwollmangel wieder, um Uniformen und Planen herzustellen. Im Himalaya ist die Verarbeitung der Riesennessel in den Dörfern Nepals bis heute ein lebendiges Handwerk. Seit einigen Jahren hat ein europäischer Forschungszweig ihren Anbau mit ausgewählten Klonen neu belebt, um sie neben Leinen und Hanf in nachhaltige Strickwaren zurückzubringen.

Wie das Garn entsteht

Sie ist eine Bastfaser: Sie steckt im Bast des Stängels, unter der Rinde. Die geernteten Stängel werden geröstet (retting), um die Pektine zu lösen, die die Faserbündel zusammenhalten, dann gebrochen und gehechelt, um die lange, glänzende Faser vom holzigen Teil zu befreien. Der so entstehende Faden ist kompakt und gleichmäßig; ein anschließendes Degummieren macht ihn feiner und leichter zu verspinnen.

Warum sie geschätzt wird

Sie verbindet die Kühle des Leinens mit einer sogar noch höheren Zähigkeit: Die Faser ist innen hohl, atmet also, nimmt Feuchtigkeit auf und gibt dem Kleidungsstück auch bei Hitze ein trockenes Tragegefühl. Sie wächst fast ohne Bewässerung, Dünger oder Pestizide auf kargen Böden und hat deshalb einen der leichtesten ökologischen Fußabdrücke unter den Pflanzenfasern. Im Gestrick bringt sie Struktur, Glanz und einen schönen, klaren Fall.

Färben

Wie alle Zellulosefasern wird sie mit Direkt-, Reaktiv- oder Küpenfarbstoffen gefärbt und nimmt die traditionellen Naturfarbstoffe gut an (Färberwaid, Krapp, Walnussschalen). Das Ergebnis ist weniger leuchtend und satt als bei Wolle und hellt mit der Zeit auf; die Naturtöne, von Ecru bis zu grünlichem Beige, gehören zu ihrem Reiz.

Pflege

Robust und waschbar: Sie verträgt häufiges Waschen, das sie sogar weicher macht und ihren Griff verbessert. Sie verfilzt nicht und neigt kaum zu Pilling, weil die Faser glatt und schuppenlos ist. Wie Leinen knittert sie leicht und zeichnet Falten: Man bügelt sie leicht feucht und trocknet sie liegend, damit sich das Gestrick nicht verzieht.

Lebensende

Als reine Zellulosefaser ist sie am Ende ihrer Nutzung vollständig biologisch abbaubar und kompostierbar, sofern sie nicht mit Synthetik gemischt ist. Sie eignet sich für mechanisches Recycling zu Flocke und schließt, da sie mit sehr wenig Aufwand angebaut wird, einen vorbildlichen landwirtschaftlichen Kreislauf vom Feld bis zum Kleidungsstück.

Woran man sie erkennt

GriffKühl und trocken beim Anfassen, glatter und weniger steif als Hanf. Neu kann sie etwas rau wirken, wird aber durch Waschen sichtlich weicher.
AussehenGlänzende, gleichmäßige Oberfläche mit einem seidigen Schimmer, der an Leinen erinnert; keine Kräuselung, der Faden wirkt gerade und klar, ohne Halo.
VerhaltenNach dem Dehnen findet sie nicht in Form zurück und federt nicht: Elastisches Gedächtnis fehlt ihr völlig. Sie knittert leicht, atmet gut und gibt dem Kleidungsstück Kühle.
BrennprobeZellulose-Signatur: Sie brennt schnell mit offener Flamme, riecht nach verbranntem Papier oder Laub und hinterlässt eine leichte, bröselige graue Asche ohne geschmolzenes Kügelchen.
Proben zu HauseBrennprobe: schnelle Flamme, Geruch nach verbranntem Papier, bröselige Asche · Nasser Zugtest: Die nasse Faser bleibt fest, wird sogar fester, anders als Wolle · Elastizitätsprobe: ziehen und loslassen; sie bleibt gedehnt und findet nicht in Form zurück
Verwechselbar mitLeinen, mit dem Auge und beim Brennen kaum zu unterscheiden, aber Brennnessel ist oft glatter und gleichmäßiger · Hanf und Ramie, andere Bastfasern mit derselben Zellulose-Signatur
Nur im LaborBrennnessel sicher von Leinen, Hanf oder Ramie zu trennen, erfordert die Mikroskopie im Labor (ISO 17751) oder die chemische Analyse der Zusammensetzung (ISO 1833).

Physikalische Daten

EigenschaftWertQuelle
elastische ErholungKeineForschung
AusleiernNiedrigForschung
FlaumKeineForschung
FilzneigungKeineForschung
Feinheit (µm)20–50Forschung
Feuchtigkeitsaufnahme (%)12,0Forschung
typisches Einlaufen (%)0–5Schätzung
Stapellänge (mm)40–120Forschung

gemessen = eine Messung mit Beleg · iso = eine Norm · Forschung = eine geprüfte Quelle · Schätzung = nur Plausibilität

Geeignet für

kühle, atmungsaktive Sommerstücke · strukturierte Strickwaren mit klarem Fall · Mischgewebe mit Leinen und Hanf · wer Fasern mit geringer Umweltwirkung sucht

Weniger geeignet für

elastische Strickwaren · Rippen und Bündchen, die in Form zurückfinden müssen · weiche, umhüllende Stücke direkt auf der Haut · sehr fließender Fall

Zertifizierungen

GOTSOEKO-TEX