Fasern · Tierfasern
Kaschmir
Der weiche Luxus schlechthin: warm, leicht und umhüllend, mit einem cremigen Griff, der in keinem Verhältnis zu seinem Gewicht steht. Ein Wohlfühlstück, das man mit Rücksicht behandelt, denn es ist ebenso kostbar wie empfindlich.
Aus dem Italienischen übersetzt. Noch nicht von einer Strickerin oder einem Stricker mit deutscher Muttersprache gegengelesen.

Geschichte
Es beginnt mit dem Kaschmirschal, dem berühmten Paisley, der im 19. Jahrhundert in ganz Europa zum Statussymbol wird. Seine moderne Geschichte ist aber vor allem italienisch: Loro Piana, Brunello Cucinelli in Solomeo und der Textilbezirk um Biella haben es zum Inbegriff des Textilluxus gemacht und das rohe Ziegendaunenhaar in Garne der Spitzenklasse verwandelt, die weltweit anerkannt sind.
Wie das Garn entsteht
Es wird nicht geschoren, sondern ausgekämmt. Beim Fellwechsel im Frühjahr sammelt man die Unterwolle (das Duvet) der Ziege, dann trennt ein industrielles Entgrannen (De-Hairing) die feine Faser vom groben, borstigen Grannenhaar. Die Ausbeute ist sehr gering, wenige hundert Gramm guter Faser pro Ziege und Jahr: Diese Knappheit, mehr noch als die Feinheit, erklärt den Preis.
Warum sie geschätzt wird
Es bietet ein unvergleichliches Verhältnis von Wärme zu Leichtigkeit: Es wärmt stark bei sehr geringem Gewicht und hat eine unverwechselbare Weichheit. Man sollte es für das schätzen, was es kann, nämlich in leichten Lagen umhüllen und wärmen, nicht für Strapazierfähigkeit: Es ist eine feine, empfindliche Faser, die in sanft getragenen Stücken am besten zur Geltung kommt, idealerweise aus einer rückverfolgbaren Lieferkette.
Färben
Hervorragend, wie bei allen Proteinfasern: Das Keratin bindet Säurefarbstoffe mit guter Ausbeute und Gleichmäßigkeit und ergibt volle, tiefe Farben. Das Färbebad muss jedoch schonend und temperaturkontrolliert bleiben, um die Faser nicht zu strapazieren und kein Verfilzen auszulösen.
Pflege
Eine Faser, die Sorgfalt verlangt: Handwäsche oder Wollprogramm in kaltem Wasser, mildes Waschmittel und liegend trocknen, damit sie sich nicht verformt. Im Vergleich zu Merino hat sie weniger Kräuselung, deshalb neigt das Gestrick eher dazu, sich zu längen und zu pillen. Das anfängliche Pilling kommt von kurzen Fasern an der Oberfläche und ist an sich kein Zeichen schlechter Qualität: Es lässt nach, wenn man die Knötchen vorsichtig entfernt.
Lebensende
Biologisch abbaubar und kompostierbar. Es lässt sich mechanisch recyceln und upcyceln, doch jeder Durchgang verkürzt die Fasern: Das daraus gewonnene Reißkaschmir hat mehr Flaum und weniger Festigkeit als das Original, bleibt aber eine wertvolle Ressource, um bei einem so seltenen Rohstoff Verschwendung zu vermeiden.
Woran man sie erkennt
| Griff | Cremige Weichheit und überraschende Wärme im Verhältnis zum Gewicht: federleicht und sehr warm. Ein verräterisches Detail: Echtes Kaschmir fühlt sich nie kalt an, anders als Fälschungen aus Polyacryl oder Viskose. |
|---|---|
| Aussehen | Matt und sehr fein, mit leichtem, dezentem Flaum. Wenig Glanz und eine weiche Oberfläche, ohne die ausgeprägte, sichtbare Kräuselung, die für Merino typisch ist. |
| Verhalten | Wärmt stark und wiegt wenig, ist aber wenig elastisch: Das Gestrick längt sich eher unter dem eigenen Gewicht, statt in Form zurückzufinden, und pillt wegen der geringen Kräuselung der Faser leichter. |
| Brennprobe | Protein-Signatur: In der Flamme brennt es langsam, erlischt von selbst und hinterlässt bröselige Asche mit dem Geruch von verbranntem Haar. Aber Vorsicht: In der Flamme ist es von Wolle und Seide nicht zu unterscheiden. |
| Proben zu Hause | Wärme- und Leichtigkeitsprobe: wärmt stark bei sehr geringem Gewicht · Misstrauen bei zu niedrigem Preis: Er deutet oft auf eine Mischung oder eine Fälschung hin · Brennprobe, um Synthetik auszuschließen: Es brennt und zerbröselt, schmilzt nicht zu einem Kügelchen |
| Verwechselbar mit | Extrafeines Merino und Kaschmir-Woll-Mischungen, im Griff sehr ähnlich · Fälschungen aus Polyacryl oder Viskose, aber sie bleiben kühl in der Hand und schmelzen in der Flamme, statt zu zerbröseln |
| Nur im Labor | Endgültig ist nur das Labor: Die Elektronenmikroskopie nach ISO 17751 misst den Durchmesser und unterscheidet Kaschmir von Yak und anderen Wollen, und die CCMI-Grenze eines mittleren Durchmessers von höchstens 19 Mikron lässt sich nur im Labor prüfen. |
Physikalische Daten
| Eigenschaft | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| elastische Erholung | Mittel | Forschung |
| Ausleiern | Mittel | Forschung |
| Flaum | Hoch | Forschung |
| Filzneigung | Mittel | Forschung |
| Feinheit (µm) | 14–19 | Forschung |
| Feuchtigkeitsaufnahme (%) | 15,0 | Forschung |
| typisches Einlaufen (%) | 0–8 | Schätzung |
| Stapellänge (mm) | 34–40 | Forschung |
gemessen = eine Messung mit Beleg · iso = eine Norm · Forschung = eine geprüfte Quelle · Schätzung = nur Plausibilität
Für die Berechnung des Gestricks
| Reibungskoeffizient (µ) | 0,22 | gemessen |
|---|---|---|
| Dichte (g/cm³) | 1,3 | gemessen |
| Elastizitätsmodul (GPa) | 2,2 | gemessen |
| spezifische Biegesteifigkeit (dyn·cm²/tex²) | 0,18 | Schätzung |
Geeignet für
leichte, warme Lagen · Rundhalspullover und weiche Shirts für die Haut · hochwertige Wohlfühlstücke · leichte Accessoires wie Schals und Stolen
Weniger geeignet für
Bündchen, Ellbogen und Stellen mit starkem Abrieb · Stücke für harten Alltagsgebrauch · Strickware, die wie Merino in Form zurückfinden soll