Fasern · Synthesefasern
Polyacryl
Die Synthetikfaser, die Wolle nachahmt: preiswert, in allen Farben erhältlich und leicht zu waschen, das Arbeitspferd für unbeschwerte Projekte. Sie verlangt wenig, verliert aber mit der Zeit an Elastizität, pillt und verträgt keine Hitze, die sie verformt.
Aus dem Italienischen übersetzt. Noch nicht von einer Strickerin oder einem Stricker mit deutscher Muttersprache gegengelesen.

Geschichte
Sie entsteht im Labor: Polyacrylnitril wird in den Vierzigerjahren entwickelt, und die erste kommerzielle Acrylfaser, Orlon von DuPont, kommt Anfang der Fünfzigerjahre auf den Markt, dicht gefolgt von Acrilan und dem europäischen Dralon. Von Anfang an wird sie als billiger Wollersatz angeboten und erobert in wenigen Jahrzehnten die Massenstrickware, die preiswerten Handstrickgarne und die Decken. Sie ist die Faser, die leuchtende Farben für alle erschwinglich gemacht hat.
Wie das Garn entsteht
Ausgangsstoff ist Erdöl: Das Acrylpolymer wird gelöst und dann im Nass- oder Trockenspinnverfahren durch eine Spinndüse gepresst, sodass ein Endlosfilament entsteht. Um Wolle nachzuahmen, wird das Filament gekräuselt und zu Stapelfasern geschnitten, damit es sich wie eine Naturfaser verspinnen lässt; oft landet es in Mischungen mit Wolle oder Baumwolle, um Preis und Gewicht zu senken und die Waschbarkeit zu verbessern.
Warum sie geschätzt wird
Sie ist nicht edel, sondern praktisch: Ihr Wert liegt im Preis, in der Farbe und in der Leichtigkeit. Sie kostet wenig, lässt sich in sehr leuchtenden, beständigen Tönen färben, trägt sich leicht, verfilzt nicht und verträgt die Waschmaschine gut. In Mischungen mit edlen Fasern senkt sie den Preis und verbessert die Waschbeständigkeit, weshalb man sie überall in der Strickware des Massenmarkts findet.
Färben
Hervorragend im Ergebnis, eigen im Verfahren: Polyacryl wird mit speziellen Farbstoffen gefärbt, basischen oder kationischen, oft schon beim Spinnen. Das ergibt sehr kräftige, gleichmäßige, licht- und waschechte Farben, die sich auf Naturfasern kaum mit derselben Leuchtkraft erreichen lassen.
Pflege
Eine unkomplizierte Faser: Sie lässt sich in der Maschine waschen, trocknet schnell und wird nicht von Motten befallen. Ihr Feind ist die Hitze, denn sie ist thermoplastisch: Heißes Bügeleisen und heißer Trockner machen sie weich und verformen sie dauerhaft. Durch Reibung bildet sie Knötchen und lädt sich statisch auf; besser kalt waschen, höchstens lauwarm oder gar nicht bügeln und den Trockner meiden.
Lebensende
Hier liegt ihre größte Schwäche: Sie ist nicht biologisch abbaubar und gibt bei jeder Wäsche Mikroplastik ab, das ins Wasser gelangt. Recycling gibt es, es ist aber begrenzt und wenig verbreitet; die recycelte Variante ist, wenn zertifiziert, der Neuware vorzuziehen, bleibt aber ein Material, das die Umwelt nicht wieder aufnimmt.
Woran man sie erkennt
| Griff | Kann der Wolle ähneln, fühlt sich aber kühl und weniger elastisch an, mit einem leicht trockenen Knirschen zwischen den Fingern; lädt sich gern statisch auf und funkt. |
|---|---|
| Aussehen | Sehr gleichmäßig und regelmäßig, manchmal mit einem etwas zu perfekten künstlichen Glanz; mit dem Tragen bedeckt sich die Oberfläche mit kleinen Knötchen. |
| Verhalten | Wärmt, ist aber nicht atmungsaktiv und reguliert Feuchtigkeit nicht wie Wolle; neigt zu Pilling und verformt sich unter Hitze, statt in Form zurückzufinden. Verfilzt nicht und hält die Farben lange leuchtend. |
| Brennprobe | Unverwechselbare Synthetik-Signatur: Sie brennt nicht, sondern schmilzt, zieht sich unter schwarzem Rauch von der Flamme zurück, riecht beißend chemisch und hinterlässt ein hartes Kunststoffkügelchen. Diese Probe entlarvt falsche Wolle oder falsches Kaschmir sofort. |
| Proben zu Hause | Brennprobe: Schmilzt sie zu einem harten Kügelchen, statt zu bröseliger Asche zu zerfallen, ist es weder Wolle noch Kaschmir · Tastprobe: kühl, etwas knirschend und mit statischen Funken · Hitzeprobe: verträgt kein heißes Bügeleisen und verformt sich, wo Wolle standhält |
| Verwechselbar mit | Wolle und Kaschmir, die sie nachahmt: aber in der Flamme schmilzt sie zu einem harten Kügelchen und fühlt sich kühl an, während Wolle langsam brennt und nach verbranntem Haar riecht · Andere Synthetikfasern (Polyester, Polyamid): Alle schmelzen, die sichere Unterscheidung gelingt nur im Labor |
| Nur im Labor | Um Polyacryl von anderen Synthetikfasern zu unterscheiden und seinen Anteil in Mischungen zu messen, braucht es das Labor, mit FTIR-Spektroskopie oder quantitativer Analyse nach ISO 1833. |
Physikalische Daten
| Eigenschaft | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| elastische Erholung | Mittel (lässt mit der Zeit nach) | Forschung |
| Ausleiern | Niedrig | Forschung |
| Flaum | Niedrig | Forschung |
| Filzneigung | Keine | Forschung |
| Feinheit (µm) | — | Forschung |
| Feuchtigkeitsaufnahme (%) | 1,5 | Forschung |
| typisches Einlaufen (%) | 0–3 | Schätzung |
| Stapellänge (mm) | — | Forschung |
gemessen = eine Messung mit Beleg · iso = eine Norm · Forschung = eine geprüfte Quelle · Schätzung = nur Plausibilität
Für die Berechnung des Gestricks
| Reibungskoeffizient (µ) | 0,4 | gemessen |
|---|---|---|
| Dichte (g/cm³) | 1,17 | gemessen |
| Elastizitätsmodul (GPa) | 5,0 | gemessen |
| spezifische Biegesteifigkeit (dyn·cm²/tex²) | 0,29 | Schätzung |
Geeignet für
preiswerte, farbenfrohe Strickware · Mischungen für Waschbarkeit und Preis · Stücke, die nicht verfilzen dürfen · kräftige, beständige Farben · erste günstige Projekte
Weniger geeignet für
atmungsaktive Kleidungsstücke · Stücke, die Hitze ausgesetzt sind (Bügeln, Trockner) · langlebige, formbeständige Projekte · wer natürliche, abbaubare Fasern sucht