Fasern · Chemiefasern
Acetat
Die Kunstseide mit dem eleganten Fall: Sie entsteht aus Cellulose, verhält sich aber wie eine schmelzende Faser, glänzend und fließend. Wenig elastisch und empfindlich, gibt sie Maschenware einen glatten, kühlen Fall, eher dekorativ als tragend.
Aus dem Italienischen übersetzt. Noch nicht von einer Strickerin oder einem Stricker mit deutscher Muttersprache gegengelesen.

Geschichte
Celluloseacetat entsteht Anfang des 20. Jahrhunderts als technisches Material für Lacke und Kinofilme, bevor es in den Zwanzigerjahren zur Textilfaser wird. In der Nachkriegszeit war es der große preiswerte Ersatz für Seide in Bekleidung und Futterstoffen, als sein günstiger Glanz es in Abendkleidern, Schals und festlicher Kleidung allgegenwärtig machte.
Wie das Garn entsteht
Ausgangsstoff ist Cellulose aus Holz oder Baumwoll-Linters, die mit Essigsäure und Essigsäureanhydrid zu einer zähen Masse umgesetzt wird. Diese Lösung wird durch Spinndüsen gepresst und verfestigt sich durch Verdunsten des Lösungsmittels (Trockenspinnen) zu einem glatten, glänzenden Endlosfilament. Es gibt also weder Schur noch Flocke: Die Faser entsteht gleich als Faden.
Warum sie geschätzt wird
Ihr Wert ist rein ästhetisch: Sie ist billig und bietet einen seidigen Glanz und einen weichen, schweren Fall, den nur wenige preiswerte Fasern erreichen. In der Strickerei wird sie für Stücke verwendet, die fließend fallen und schimmern sollen, wo das elastische Rückstellvermögen weniger zählt als die Wirkung und die Farbbrillanz.
Färben
Acetat nimmt die Farbstoffe der übrigen Cellulosefasern nicht an und braucht eigene Dispersionsfarbstoffe, dieselben, die für Synthetiks entwickelt wurden. Gut gefärbt ergibt es tiefe, leuchtende Farben auf der glänzenden Oberfläche, war aber historisch anfällig für Fume-Fading, das Verblassen durch Gase in der Luft, das bestimmte Töne verfärbt und heute durch stabilisierte Farbstoffe behoben ist.
Pflege
Eine empfindliche, hitzeempfindliche Faser: von Hand oder kalt mit Neutralwaschmittel waschen, bei sehr niedriger Temperatur auf links bügeln und von Aceton und Lösungsmitteln fernhalten, die sie auflösen. Nass verliert sie Spannkraft und Festigkeit, deshalb vorsichtig behandeln und liegend trocknen.
Lebensende
Da sie aus Cellulose stammt, ist sie grundsätzlich biologisch abbaubar, doch die chemische Veränderung verlangsamt die Zersetzung gegenüber Naturfasern stark. Auf textilem Weg lässt sie sich schwer recyceln, und eine mechanische Aufbereitung wie bei Wolle verträgt sie nicht: Das Lebensende bleibt die größte Schwäche ihrer Ökobilanz.
Woran man sie erkennt
| Griff | Glatt, rutschig und kühl in der Hand, mit einer Oberfläche, die an Seide erinnert, aber gleichmäßiger und ohne Unregelmäßigkeiten. Wenig elastisch: Sie gibt nach und bleibt gedehnt. |
|---|---|
| Aussehen | Ausgeprägt glänzend und seidig, mit einem durchgehenden, leuchtenden Schimmer. Keine Kräuselung und kein Flaum: Die Faser ist glatt und geschlossen, der Faden wirkt voll und gläsern. |
| Verhalten | Fällt fließend und schwer, bleibt auf der Haut kühl und hält wenig Wärme. Knittert mit scharfen Falten und findet nicht von selbst in Form zurück, weil das Rückstellvermögen gering ist. |
| Brennprobe | Gemischte Signatur aus Cellulose und Schmelzfaser: Sie brennt und schmilzt zugleich unter Zischen, riecht stechend nach warmem Essig (Essigsäure) und hinterlässt ein dunkles, hartes Kügelchen. |
| Proben zu Hause | Brennprobe: tropfende Flamme, beißender Essiggeruch, hartes Kügelchen · Acetonprobe: Ein Tropfen weicht die Faser auf oder löst sie, was bei Seide und Viskose nicht geschieht · Elastizitätsprobe: dehnen und loslassen, Acetat bleibt verformt |
| Verwechselbar mit | Echte Seide: aber Seide schmilzt in der Flamme nicht und riecht nach verbranntem Haar, nicht nach Essig · Viskose und andere glänzende Chemiefasern: aber Viskose schmilzt nicht und widersteht Aceton |
| Nur im Labor | Acetat sicher von anderen regenerierten Cellulosefasern zu unterscheiden und seinen Acetylierungsgrad zu bestimmen, erfordert eine Laboranalyse (Spektroskopie oder genormte Löslichkeitsprüfung nach ISO 1833). |
Physikalische Daten
| Eigenschaft | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| elastische Erholung | Niedrig | Forschung |
| Ausleiern | Mittel | Forschung |
| Flaum | Keine | Forschung |
| Filzneigung | Keine | Forschung |
| Feinheit (µm) | — | Forschung |
| Feuchtigkeitsaufnahme (%) | 6,5 | Forschung |
| typisches Einlaufen (%) | 1–4 | Schätzung |
| Stapellänge (mm) | — | Forschung |
gemessen = eine Messung mit Beleg · iso = eine Norm · Forschung = eine geprüfte Quelle · Schätzung = nur Plausibilität
Geeignet für
fließender, glatter Fall · glänzende und festliche Kleidung · Futter und dekorative Details · leichte Abendschals
Weniger geeignet für
Rippen und Bündchen, die in Form zurückfinden sollen · stark beanspruchte oder scheuernde Stücke · robuste Alltagsstrickware · Stücke, die oft in die Maschine müssen